Montag , 23. Oktober 2017
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Wie eine privatisierte Regierung

Wie eine privatisierte Regierung

Selbst Google ist gelegentlich für einen Scherz zu haben. Auf dem Satellitenbild der Suchmaschine markiert ein Etikett das riesige Anwesen zwischen dem Johannesburger Saxonwold Drive und dem Erlswold Way als „Saxonwold Shebeen“, wobei „Shebeen“ für Südafrikas spelunkenartige Vorstadtkneipen steht. Die Bar, so heißt es weiter bei der Suchmaschine, sei rund um die Uhr geöffnet. Vor Ort lacht einer der drei Männer, die am Tor zum Saxonwold Drive Nr. 5 Wache schieben, auf die Frage laut auf, wo das Lokal denn nun zu finden sei: „Suchen Sie mal schön“, antwortet der Wachmann. Sein Lachen lässt keinen Zweifel daran, wie absurd dieses Vorhaben ist: „Shebeens“ gibt es in Johannesburg zwar zuhauf, aber garantiert nicht im Villenviertel Saxonwold.

In Wahrheit verbirgt sich hinter dem von den drei Wachmännern abgeschirmten Tor kein schäbiges Trinkloch, sondern das Anwesen einer indischen Einwandererfamilie: das Zuhause der Guptas, deren Name in Südafrika derzeit in aller Munde ist. Und dass der Kartendienst der Suchmaschine dort eigentlich eine Bar verortet, passt denen ganz gut ins Konzept. So lässt sich besser verschleiern, was all jene Manager, Unternehmer, Chefs von Staatskonzernen und Regierungsmitglieder bis hin zu Staatspräsident Jacob Zuma im Schilde führen, wenn ihre Kalender einen Besuch am Saxonwold Drive No. 5 vermerken. Denn das tun sie ebenso regelmäßig wie fragwürdig.

Die vier mit einer hohen Mauer umgebenen Villen sind zu Südafrikas inoffiziellem Regierungssitz geworden. Hier wurden in den vergangenen Jahren wichtigste Regierungsentscheidungen getroffen, einschließlich der Besetzung von Ministerposten und der Vergabe lukrativer Staatsaufträge. Und das alles, weil die Besitzer der Villen in Südafrika zu einem Staat im Staate geworden sind. Den drei Gupta-Brüdern Ajay, 50, Atul, 47, und Rajesh, 45, wird „state capture“ vorgeworfen, sie sollen Südafrikas Staat zur Geißel genommen haben. Selbst innerhalb des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) ist inzwischen von der Geiselnahme des Staates seitens der Guptas, die Rede.

Seit dem Amtsantritt Jacob Zumas im Jahr 2009 vermehrte sich der Reichtum der Einwandererfamilie in rasantem Tempo. Heute kontrollieren die Guptas mehrere Kohleminen, eine Uranmine, einen Fernsehsender, eine Tageszeitung, eine Computerfirma sowie mehrere Beratungsunternehmen und eine Stahlfabrik. Zunächst waren es nur einzelne Vorfälle, die Aufsehen erregten – wie die Landung eines von den Guptas gecharterten Jets auf einem sonst nur Staatschefs zur Verfügung stehenden Militärflughafen in der Hauptstadt Pretoria. Dann fiel der Name immer häufiger, wenn von der umstrittenen Besetzung wichtiger Ämter oder der Vergabe staatlicher Aufträge die Rede war. Und schließlich wurden Journalisten rund 200.000 E-Mails zugespielt, die die Machenschaften der Guptas dokumentieren.

Spötter sprechen von Südafrika als „Zuptastan“ – einem aus Zuma, Gupta und den verpönten Bantustans kreierter Wortcocktail. Am kommenden Dienstag, dem 8. August, droht Zuptastan jedoch ein Staatsstreich: Dann wird im Kapstädter Parlament mit einem Misstrauensvotum über Zumas Schicksal entschieden, das der ANC-Chef wegen des wachsenden Unmuts über die Gupta-Affäre selbst in den eigenen Reihen durchaus verlieren könnte. Wer aber ist diese Familie, die sich einen ganzen Staat einverleibt hat?

In der Touristenklasse ins Paradies

In der Öffentlichkeit sind die Guptas selten zu sehen, sie treten höchstens in ihrem eigenen Fernsehsender African News Network 7 auf. Nach mehr als 20 Jahren in Südafrika ist ihr Englisch noch immer eher holprig. Als Atul Gupta als Erster der drei Brüder kurz vor dem Ende des Apartheidstaates 1991 ans Kap der Guten Hoffnung kam, flog er noch Touristenklasse: In Johannesburg schlug er sich zunächst als Schuhverkäufer durch. Heute ist der Mittlere der drei Brüder der siebtreichste Bewohner des Landes. Seinen Aufstieg verdankt er weder einer Erfindung noch einer genialen Geschäftsstrategie: vielmehr einem jungen Mann namens Duduzane Zuma, den die Guptas zum Teilhaber ihres Imperiums machten. Es ist der 35-jährige Sohn des Staatspräsidenten.

Als der arbeitslose Computertechniker einen Job suchte, zeigten sich die Guptas gerne erkenntlich. Wie eng ihre Freundschaft inzwischen ist, macht die Tatsache deutlich, dass der Präsidentensohn als ersten „Onkel Tony“ (Rajesh Gupta) anrief, als sein Porsche vor drei Jahren mitten in der Nacht im Nobelviertel Sandton in einen Minibus raste und eine Frau tötete. Auch in diesem Fall half Onkel Tony gerne weiter: Schließlich ist den drei Brüdern mit der illustren Verbindung der Coup ihres Lebens geglückt.

Das begann in Saharanpur in der nordindischen Provinz Uttar Pradesh. Beim Aufbau seines Mischkonzerns aus Dünger- und Textilfabrik, Gewürzimport und einer Ladenkette erwarb sich schon Vater Gupta einen umstrittenen Ruf. Den Söhnen wurde es zu Hause bald zu eng: Sie sandten den Unternehmungslustigsten unter ihnen, Atul, erst nach Singapur und dann ans Kap der Guten Hoffnung auf Erkundungstour. In Südafrika war dem „sozialen Reformer“ (Eigenwerbung) schnell klar, welche Chancen der Übergangsstaat bot: Die neue dunkelhäutige Elite des Landes brauchte dringend nicht etablierte und nicht weiße Geschäftsleute.

Ihre große Chance sahen die Brüder gekommen, als sich Jacob Zuma anschickte, die Präsidentschaft des Landes zu übernehmen. Der polygame Zulu galt angesichts seiner vier Ehefrauen und über 20 Kinder als notorisch klamm. Beim Griff nach der Macht halfen ihm die Guptas und liehen ihm, wann immer nötig, ihr Flugzeug.

Als der Freund sein Ziel im Dezember 2007 schließlich erreicht hatte, standen der Einwandererfamilie sämtliche Türen offen. Sie nahmen mehrere Mitglieder der Zuma-Familie in ihr Geschäftsimperium auf und wurden im Gegenzug zu den Hoflieferanten der neuen Administration. Ihre Computerfirma erhielt Aufträge zur Ausstattung zahlloser Township-Schulen mit Tausenden von Desktops, und der Stromkonzern Eskom nahm ihre Kohle trotz deren schlechter Qualität mit großzügig berechneten Preisen ab. Bald kam es auch zum ersten Betrugsfall: Ein staatlicher Zuschuss für ein den Guptas zugeschustertes Farmprojekt in der Freistaat-Provinz wurde zur Bezahlung der rund drei Millionen Euro teuren Hochzeit einer Nichte der Gupta-Brüder im Erholungspark Sun City verwendet.

Für die größte Aufregung am Kap der Guten Hoffnung sorgten jedoch Enthüllungen, wonach die Guptas sogar in den wichtigsten Personalentscheidungen der Regierung mitmischten. Dem einstigen Vizefinanzminister Mcebisi Jonas wurde in der Saxonwold Shebeen ein zweistelliger Dollar-Millionenbetrag und das Finanzministerium angeboten, für den Fall, dass er den konfrontativen Kurs seines damaligen Chefs, Pravin Gordhan, gegen die indische Familie beende. Die Schlacht ums Finanzministerium fiel besonders heftig aus, weil sich dessen Chefs, Nhlanhla Nene und Pravin Gordhan, den Begehrlichkeiten der „Zuptas“ in den Weg zu stellen suchten. Ihre Entlassungen im Dezember 2015 beziehungsweise im März dieses Jahres sandten Schockwellen durch die Finanzmärkte, ließen den Rand abstürzen und veranlassten Ratingagenturen, das Land in den Ramschstatus zu verbannen.

Spuren bis nach Deutschland

Sam Sole ist dieser Tage noch blasser als gewöhnlich. Der geschäftsführende Redakteur der investigativen Journalistengruppe „amaBhungane“ (die Mistkäfer) verbringt Nächte am Schirm, um die unzähligen E-Mails aus dem Herzen des Gupta-Imperiums auszuwerten. „Ein Piratenschatz im Cyberzeitalter“, lacht der schmächtige Journalist mit dem Ziegenbärtchen. Kürzlich stieß Sole auch auf die Namen zweier deutscher Firmen, die in die Gupta-Skandale verwickelt sein sollen: Sowohl SAP wie die Software AG, legt die E-Mail-Spur nahe, haben Unternehmen der indischen Familie Schmiergeld für Vermittlungsdienste bezahlt. Beide Firmen bestreiten die Vorwürfe, kündigten jedoch Untersuchungen an.

Südafrikas Banken waren schon vorher aufgeschreckt. Alle vier großen Geldinstitute des Landes stellten ihre Verbindung zu Oakbay, der Holdingfirma der Guptas, ein. Ihren Recherchen nach hatten die drei Brüder zuvor fast sieben Milliarden Rand (ca 440 Millionen Euro) mit zweifelhafter Herkunft ins Ausland überwiesen. Zuma und seine Geschäftsfreunde holten daraufhin zu einer wütenden Kampagne gegen die Bankenwelt aus. Die Londoner PR-Firma Bell Pottinger wurde hinzugezogen, die den Slogan vom „white monopoly capital“ kreierte. Dem „weißen Monopolkapital“ wurde vorgeworfen, einen vom Neid und Rassismus diktierten Verdrängungskampf gegen die indische Immigrantenfamilie und ihre afrikanischen Freunde zu führen. Allerdings stand die Stilisierung der Guptas zu Befreiungskämpfern im Gegensatz zum Verhalten der Familie. Die drei Brüder titulieren ihre dunkelhäutigen Wachmänner am Tor zum Saxonwold Drive gerne mal als „Affen“, und bei der Hochzeit ihrer Nichte in Sun City wollten sie nur weiße Kellner sehen.

Dass die Familie ihre Skandalserie unbeschadet überstehen wird, hält in Südafrika inzwischen kaum noch jemand für möglich. Nicht einmal die Betroffenen selbst: Presseberichten zufolge haben sich die Guptas in Dubai in den Goldhandel eingekauft und im Luxusviertel Emirates Hills eine 35 Millionen Dollar teure Villa mit 10 Schlaf- und 13 Badezimmern erworben.

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