Sonntag , 19. November 2017
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Fintechs sollen in Berlin Job-Motor werden

Fintechs sollen in Berlin Job-Motor werden

„Die Digitalisierung hat sich in den vergangenen Jahren zum wichtigsten Faktor der Berliner Wirtschaft entwickelt“, konstatiert Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) anlässlich der Vorstellung einer Studie der Investitionsbank Berlin (IBB). Ein Fünftel des Wirtschaftswachstums entstehe mittlerweile in der digitalen Wirtschaft. Und mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 2,7 Prozent im vergangenen Jahr markierte Berlin zusammen mit Sachsen die Spitze der Bundesländer.

Eine wichtige Rolle bei der Digitalisierung nehmen die Fintechs ein, also junge Unternehmen, die innovative Dienste im Finanzbereich anbieten. Von den 324 aktiven Fintechs in Deutschland entfallen nach Recherchen der IBB 106 auf Berlin. München (42), Frankfurt (42) und Hamburg (25) nehmen die nächsten Plätze ein.

Derzeit beschäftigen die Fintechs in Berlin bereits 3000 Mitarbeiter. Doch der Boom scheint erst bevorzustehen. „In den nächsten zehn Jahren könnten bis zu 40000 neue Arbeitsplätze durch Fintechs in Berlin entstehen“, glaubt der Vorstandsvorsitzende der IBB, Jürgen Allerkamp. In der Digitalwirtschaft Berlins unterstellt die IBB dabei ein Beschäftigungswachstum von jährlich zehn Prozent. Im ersten Quartal 2017 seien es bereits 15 Prozent gewesen. Unabhängig von der dynamischen Entwicklung habe Deutschland insgesamt aber noch Nachholbedarf bei der Digitalisierung. Werde dieser gedeckt, könne Berlin überdurchschnittlich profitieren. Zudem punkte Berlin als attraktive, international ausgerichtete Metropole, in der Wohnen und Arbeiten noch relativ preiswert seien.

„Wir brauchen Talente aus dem In- und Ausland“, bekräftigte Wirtschaftssenatorin Pop. Und es ein Vorteil Berlins, dass hier Englisch gesprochen werde, bemerkte die Grünen-Politikerin mit einem Seitenhieb auf den CDU-Politiker Jens Spahn, der die Sprachusancen in Berlin jüngst kritisiert hatte.

Ohne Englisch kommt auch die in Deutschland führende Berliner Fintech-Plattform Finleap nicht aus. Die Gruppe beschäftigt 500 Mitarbeiter, die aus 35 Nationen kommen. Bislang hat Finleap, die mit Know how und Geld hilft, 13 Unternehmen den Start in die Selbstständigkeit ermöglicht. „Wir stellen weiter ein“, sagte Finleap-Gründer und Geschäftsführer Ramin Niroumand dem Handelsblatt.

Aber noch wichtiger sei es, den Umsatz anzukurbeln und Marktanteile zu gewinnen. Obwohl die Beteiligungsunternehmen wachsen, gebe es da noch viel Luft nach oben, gibt Niroumand zu verstehen. Zu den Flaggschiffen von Finleap gehört beispielsweise die Solarisbank, die digitale Vermögensverwaltungsplattform Elinvar, der Sachversicherer Element und der Versicherungsmakler Clark.

Vor wenigen Monaten konnte Finleap eine Finanzierungsrunde über 39 Millionen Euro abschließen. Diese Summe ist noch nicht Bestandteil der Analyse der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, die sich die Venture Capital-Investitionen für das erste Halbjahr 2017 anschaute. Berliner Fintechs erhielten danach 232 Millionen Euro, Hamburg liegt mit 117 Millionen Euro auf dem zweiten Platz. Lag die durchschnittliche Unternehmenskapitalisierung der Berliner Fintechs 2015 bei 6,5 Millionen Euro, liegt sie nun bei 9,3 Millionen Euro. Nur Hamburger Fintechs kommen auf eine höhere Kapitalisierung.

Ein Vorteil für Berlin ist auch die breite thematische Streuung der Fintechs. Mit der Solarisbank und N26 gibt es zwei neugegründete Banken, die über eine Banklizenz verfügen. Es gibt mit Funding Circle und Lendico zwei führende Kreditvermittler und dominierende Crowdinvesting-Plattformen wie Companisto. Zudem sind Zahlungsdienstleister und Fintechs aktiv, die sich um das Vermögen und Geldanlagen ihrer Kunden kümmern wie beispielsweise Weltsparen.de. Und der Schweizer Versicherer Baloise hat sich als Standort für seinen digitalen Versicherer Friday Berlin ausgesucht.

Die IBB ist überzeugt, dass die Fintechs in Berlin mehr Arbeitsplätze schaffen werden als die Banken und Sparkassen in der Hauptstadt abbauen. „Da können wir uns wahrscheinlich von der bundesweiten Entwicklung abkoppeln“, glaubt IBB-Chef Allerkamp.

Vor wenigen Monaten gab es zumindest eine symbolische Wachablösung. Das Bundeswirtschaftsministerium hat Finleap als digitales Kompetenzcenter für Fintechs ausgewählt – als eines von insgesamt zwölf Hubs, mit denen die Regierung digitale Schwerpunkte in Deutschland fördern will. Parallel bezog Finleap die ehemalige Zentrale der Berliner Bank in der Nähe von Bahnhof Zoo. Die üppigen Räumlichkeiten stehen jedem offen, „der an der Digitalisierung der Finanzindustrie interessiert ist“, so Niroumand.

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