Montag , 23. Oktober 2017
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Die Türkei kann ein zweites China werden

Die Türkei kann ein zweites China werden

„Der Türkei-Enthusiasmus deutscher Industrieunternehmen scheint ungebrochen. Der türkische Ableger von Bosch ist nach den Umsatzzahlen heute das sechstgrößte Unternehmen des Landes. Lastwagen und vor allem Autobusse von DaimlerChrysler werden auch für den deutschen Markt in den Werken Hoşdere und Davutpasa gefertigt, und der Weltkonzern Ford steuert seine Aktivitäten in der Türkei eher aus Köln als aus Detroit. Deutsche Chefs loben den Eifer und die Lernfähigkeit türkischer Mitarbeiter: „So ist das in keinem anderen Land, das ich kenne“, sagt ein Automobilmanager mit Südamerika- und Ostasien-Erfahrung.“

Diese Passage stammt aus einem Artikel der WirtschaftsWoche im April 2007 über die Türkei. Damals war die Türkei Partnerland der Hannover Messe. Er liest sich, als seien nicht zehn, sondern 30 Jahre vergangen. Zwischen 2002 und 2009 – das waren aus heutiger Sicht die goldenen Jahre der Türkei.

Die Wirtschaft wuchs mit sechs, sieben, 2004 sogar mit zehn Prozent. Die Direktinvestitionen nahmen zu: Von 2,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2004 auf über 20 Milliarden US-Dollar 2007.

Die Türkei war in Mode. Viele mittelständische und kleine Unternehmen wollten damals in dem muslimischen und doch modernen Land investieren: Näher als China, billiger als Polen, effizienter als Griechenland.

„Der große Run auf die Türkei begann vor etwa zehn Jahren“, sagt Peter Heidinger, der seit bald 15 Jahren eine Unternehmensberatung in Istanbul führt. „Das Land war lange unterschätzt worden und bekam dann große Aufmerksamkeit.“

Erdogan war der Grund für den Boom

Der Modekonzern C&A eröffnete die erste von 20 geplanten Filialen. Im April 2007 hatte Fraport IC gerade eine Beteiligung am Flughafen Antalya gekauft. Der Tourismus boomte, und immer mehr Flieger landeten aus dem regnerischen Deutschland an der türkischen Riviera.

Der Grund für den Boom war ausgerechnet der Mann, der sich heute anschickt, die Demokratie in der Türkei zu beerdigen. Vor zehn Jahren noch galt Recep Tayyip Erdogan als Garant einer neuen, demokratischen Türkei. Seine Partei AKP hatte in ihrem ersten Regierungsjahr 2002 im Hauruck-Verfahren das Land modernisiert und die verkrusteten kemalistischen Strukturen aufgelöst: Die Todesstrafe wurde abgeschafft, die kurdische Sprache erlaubt, die Rechte der christlichen Minderheiten gestärkt. In enger Zusammenarbeit mit dem IWF wurden Sektoren liberalisiert, und die Wirtschaft für einen EU-Beitritt fit gemacht. 70 Prozent der Türken wollten damals noch eine Mitgliedschaft. Zehn Jahre später sind es weniger als die Hälfte.

Heute ist das Land ein anderes. Die einst hoffnungsvolle Demokratie droht, in ein autoritäres Regime abzurutschen. Da sind der wiederaufgeflammte Kurdenkonflikt, die zahlreichen Terroranschläge, der gescheiterte Putsch und schließlich eine enorme Beschädigung des Rechtsstaats und der Gewaltenteilung durch die Verfassungsänderung. Und der Mann, der damals als Stabilitätsanker galt, wird heute von vielen als Totengräber der Demokratie gesehen.

Rund 7000 deutsche Unternehmen sind heute in der Türkei aktiv. Zwar gibt es nur wenige, die das Land verlassen wollen. Aber, so Heidinger, bei denen, die über eine Investition nachgedacht hatten, spüre man jetzt eine deutliche Zurückhaltung. Neugründungen gab es in den vergangenen zwei Jahren kaum. „Es ist vor allem die Stimmung, die zu schaffen macht“, sagt der Unternehmensberater. „Die Türkei gilt heute als unsympathisch.“ Viele Unternehmen haben zudem Probleme, Mitarbeiter zu finden, die für die Firma in die Türkei ziehen wollen. Das liegt auch an der politischen Lage, aber vor allem an den Terroranschlägen, die seit bald eineinhalb Jahren das Land im Drei-Monats-Rhythmus erschüttern.

Die Stimmung ist schlechter als die Zahlen

Die Reaktionen der Unternehmen bleiben nicht aus: C&A hat seine Filialen an einen türkischen Konkurrenten verkauft. Die Parfümerie-Kette Douglas hat sich zurückgezogen. HeidelbergCement „nimmt angesichts der politischen Unwägbarkeit im Land derzeit von weiteren Investitionen in der Türkei Abstand.“ Der Tourismus, ein wichtiger Devisenbringer, und nach der Baubranche wichtigster Sektor der türkischen Wirtschaft, ist eingebrochen.

Und trotzdem: Es könnte schlimmer sein in der Türkei 2017. Die nackten Zahlen sind bei weitem nicht so katastrophal, wie es man es vermuten könnte.

Die Wirtschaft wächst immerhin noch mit 2,9 Prozent – schneller als fast jedes andere europäische Land. Der IWF rechnet für das Jahr 2018 mit 3,5 Prozent Wachstum. Die Börse hat sogar gerade ein Allzeithoch erreicht.

Die Zukunft ist unsicher

Trotz einiger Gegenbeispiele kann man nicht von einem großen Exodus deutscher Unternehmen sprechen. Der deutsche Konzern Media Markt vermeldet ein Umsatzplus von 19 Prozent für das Jahr 2016, was die Türkei zum wichtigsten Wachstumsmarkt des Unternehmens macht. Die Deutsche Post will bis 2019 weitere 100 Millionen Euro in der Türkei investieren.

„Von einem Kollaps kann keine Rede sein“, sagt Tamer Yilmaz, Ökonom bei der Ziraat Bank in Istanbul. Die Wirtschaft der Türkei hänge vor allem an globalen Faktoren ab – von der Nachfrage in den wichtigsten Industriestaaten, der Zinsentwicklung und dem Ölpreis. „Das ist ausschlaggebender als die politischen Entwicklungen.“ Zudem sie die türkische Wirtschaft gut in die europäischen Lieferketten integriert.

Sorge bereiten dem Ökonomen die stagnierenden Direktinvestitionen – sie hängen derzeit auf einem Niveau von sechs Milliarden US-Dollar fest. Das ist zu wenig für ein Land mit einem hohen Aushandelsdefizit. Zudem ist die Inflation wieder auf über zehn Prozent angewachsen, was die Zentralbank zu einer restriktiveren Geldpolitik zwingt.

Insofern hat Unternehmensberater Heidinger Recht: Was sich geändert hat, ist vor allem die Stimmung, weniger die nackten Zahlen. Die Zahlen könnten zwar besser weitaus besser sein, auf eine Katastrophe aber deuten sie nicht hin. Doch die schlechte Atmosphäre trifft vor allem kleinere und mittlere Unternehmen.

Für große Konzerne wie Siemens oder Bosch bleibt die Türkei ein attraktiver Markt. Siemens ist seit über 160 Jahren in dem Land aktiv, und hat somit mehr als einen Militärputsch miterlebt. Solche Zeithorizonte können kleinere und mittelständische Unternehmen nicht haben – sie haben nicht das Budget, um eine lnge Flaute bei einem Auslandsprojekt auszusitzen.

In der Türkei 2017 scheint alles möglich. Das Land kann eine Art zweites China werden – ein guter Geschäftspartner mit großen Demokratiedefiziten, es kann im Chaos versinken, oder – die Hoffnung stirbt zuletzt – seinen Weg zur Demokratie zurückfinden.

„Ich empfehle Unternehmen hier, vorsichtig und flexibel zu bleiben“, sagt Peter Heidinger. „Das aber gilt letztlich für alle volatilen Märkte.“

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