Montag , 23. Oktober 2017
Neuigkeiten
Startseite / Wirtschaft und Politik / Die führenden Insolvenzkanzleien im ersten Halbjahr
Die führenden Insolvenzkanzleien im ersten Halbjahr

Die führenden Insolvenzkanzleien im ersten Halbjahr

Der Ausflugsdampfer tuckerte friedlich über den Rhein. Tagsüber hatten sich die rund 70 Passagiere an den jüngsten Highlights des Insolvenzrechts ergötzt. Abends ging es bei Altbier und Kartoffelsalat auf dem Sonnendeck an die Gesamtauswertung von Pleiten- und Weltlage. Nur einer fehlte an Bord: Horst Piepenburg, sonst Stammgast und Mitinitiator der Düsseldorfer Insolvenztage, schwänzte das rheinische Familientreffen. Aus gutem Grund: Piepenburg hatte wenige Wochen zuvor das bis dato prominenteste Insolvenzverfahren des Jahres ergattert: Solarworld.

Kaum jemand hatte Piepenburg zuvor für den Fall auf dem Schirm gehabt, galt doch ein Kandidat aus Köln als Favorit. Doch nach dem Eingang von allerlei Schutzschriften bei Gericht – ein neuer Trend? – änderte sich die Lage abrupt. Piepenburg übernahm die Mission und machte sich zunächst  daran, Sicherheiten freizuschaufeln und Investoren aufzutreiben. Am Ende gelang es ihm, eine Lösung zu finden, wenn auch eine gewöhnungsbedürftige. Der umstrittene Solarworld-Chef Frank Asbeck kauft die Fabriken seines Konzerns, mit Geld und Segen des größten Gläubigers.

Butlers, Rickmers und Mifa als Pleite-Vorboten?

Solarworld blieb indes nicht der einzige prominente Name, der zuletzt die Insolvenzakten deutscher Amtsgerichte zierte. Auch Butlers, Rickmers, Mifa, Locomore und Euromar versetzten die Zunft im ersten Halbjahr in Wallung. Zeichnet sich nach Jahren sinkender Fallzahlen jetzt etwa eine Trendwende ab?

Klare Antwort: Nein. „Der Rückgang der Unternehmensinsolvenzen setzte sich im ersten Halbjahr 2017 fort“, sagt Jens Décieux. Von Januar bis Juni registrierte der Experte vom Karlsruher Informations- und Datendienstleister STP Portal (insolvenz-portal.de) insgesamt 4033 eröffnete Unternehmensinsolvenzen in Deutschland. „Das waren 5,6 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum“, so Décieux. Für die WirtschaftsWoche haben Décieux und sein Team die Fälle näher untersucht, nach lokalen Schwerpunkten, Verfahrensarten und bestellten Insolvenzverwaltern nebst zugehörigen Kanzleien gerastert und dafür die Angaben aller deutschen Amtsgerichte ausgewertet. In das Ranking selbst  flossen nur eröffnete Insolvenzverfahren über Kapital- und Personengesellschaften ein. Die Größen und Vermögensmassen der jeweiligen Unternehmen blieben außen vor. Es lassen sich somit keine direkten Rückschlüsse auf den wirtschaftlichen Erfolg einzelner Kanzleien ziehen.

Dennoch ermöglicht die Aufstellung einen detaillierten Blick auf das Insolvenzgeschehen im ersten Halbjahr, auf die nach Verfahrenszahlen führenden Kanzleien und Verwalter – sowie auf die wachsende Bedeutung von ESUG-Verfahren. Seit Inkrafttreten der Insolvenzreform im März 2012 wurden insgesamt mindestens 1074 Schutzschirme aufgespannt und Esug-Eigenverwaltungen auf den Weg gebracht. „Auf das erste Halbjahr 2017 entfielen 68 Verfahren“, sagt Décieux . Vor allem die klassische Eigenverwaltung, also 270a, wird als Sanierungswerkzeug inzwischen häufig genutzt“.  Was die Reform gebracht hat, versucht momentan auch das Bundesjustizministerium zu ergründen und evaluiert nach Kräften.

Wer im ersten Halbjahr bei Gerichten und Gläubigern punkten konnte, steht indes fest.

Ab 24 Verfahren in den Top-30

24 eröffnete Verfahren markierten im ersten Halbjahr 2017 das Tor zum Einstieg in die Top 30. Westhelle & Partner, D’Avoine Teubler Neu und Kebekus & Zimmermann durchschritten es. Johlke Niethammer & Partner sind ebenfalls dabei, auch wenn der Paradefall Rickmers, bei dem JNP-Partner Jens-Sören Schröder sachwaltet, erst mit Eröffnung des Verfahrens zählt, sprich im zweiten Halbjahr. Gleiches gilt für Georg F. Kreplin von Kreplin & Partner, der das im Mai gestartete Schutzschirmverfahren über die Modekette Biba beaufsichtigt. Dhpg-Partnerin Christine Frosch fahndete derweil nach Futtermitteln für Kleiner Donner, Pony-Star im Indianermusical Yakari, das die Dreamcatcher Live Entertainment GmbH auf die Bühne brachte. Doch selbst Großer Adler konnte bei der Investorensuche nicht helfen.    

Plätze 20 bis 11

Christoph Niering, Vorsitzender des VID, sieht seit „einigen Jahren einen Konzentrationsprozess im Markt, der bedingt durch Nachfolgethemen und die aktuell niedrigen Verfahrenszahlen sicherlich auch noch anhalten wird.“ Seine Kanzlei Niering Stock Tömp spielte mit 30 Verfahren im ersten Halbjahr im quantitativen Mittelfeld, sorgte aber mit den Fußballpleiten Alemannia Aachen und Sportfreunde Siegen für Begeisterung in der Fankurve. Konkurrenzverbandskollege Lucas Flöther von Flöther & Wissing, nebenberuflich Sprecher des Gravenbrucher Kreises, agierte zuletzt auf vertrautem Terrain. Er rang beim Fahrradhersteller Mifa mit jenem Eigentümer, an den er die Firma bei der Insolvenz 2014 verkauft hatte.

Mit einem Wiedergänger der besonderen Art durfte sich auch Rolf Rattunde befassen. Er steuerte die Euromar Kakaofabrik mit zuletzt fast einer Milliarde Euro Umsatz durchs Verfahren – inklusive rettendem Verkauf. Schon vor Jahren war Rattunde an der Wiederbelebung des Werks beteiligt. Auch sonst gab es in der Kanzlei Leonhardt Rattunde dieser Tage kaum Anlass zur Klage. Möglich macht’s die Berliner Start-up-Szene, in der momentan vieles eher nach Abbruch als nach Aufbruch aussieht. Partner Torsten Martini beerdigte die einstige Fintech-Hoffnung Cashboard. Kanzleikollege Danny Koch dampfte mit dem Fernzuganbieter Locomore aufs Abstellgleis.

Auch Opernfreunde mussten durchs „Tal der Tränen“ – beziehungsweise durften es nicht, nachdem die Art & Entertainment Live GmbH, Veranstalter der Aida-Stadiontour von Plácido Domingo, Insolvenz anmeldete. Dirk Andres von AndresPartner dirigiert das Verfahren.

Nach Trennung und anschließender Neuverpartnerung von Rolf-Dieter Mönning und Udo Feser taucht auch das neue Bündnis Mönning-Feser-Partner direkt im 20er-Reigen auf und liegt gleichauf mit Voigt-Salus und noch vor Dr. Beck & Partner, wo sich Hubert Ampferl vergebens um die Rettung des Kücherherstellers Allmilmö bemühte.

Die Top-Ten

„In der Top-10-Liste gab es einige Bewegung im ersten Halbjahr“, sagt Décieux. Für den Einstieg genügten in den sonnen- wie verfahrensarmen Tagen bis Ende Juni bereits die Betreuung von 45 Unternehmenshavarien, was Geiwitz & Partner, Münzel & Böhm sowie BBL Bernsau Brockdorff gelang. Sie folgen unmittelbar auf die nicht minder umtriebigen Reimer Rechtsanwälte. Hauptkommissar Bruno M. Kübler baut seine Sozietät derweil zum Kriminallabor um und möchte nach Fällen wie Infinus, Future Business und Staudhammer die Expertise seiner „Forensic“-Division künftig auch in der Beratung einsetzen. Bei den Görgs laufen die Sanierungsgeschäfte derweil robust. Görg-Partner Hans-Gerd Jauch war beratend bei Solarworld im Einsatz. Sein Kollege Jörg Bornheimer musste sich als Verwalter der Einrichtungskette Butlers mit der BFH-Entscheidung zum Sanierungserlass herumschlagen. Die wirkte „zunächst wie ein vehementer Stolperstein – für Butlers wie für den gesamten Sanierungsstandort Deutschland“, so Bornheimer. Am Ende gab es für Butlers trotzdem ein Happy End.

Das steht bei hww Hermann Wienberg Wilhelm noch aus. Die Fallzahlen gingen zuletzt rapide zurück und werden wohl auch in den kommenden Monaten weiter sinken. Schließlich haben die Kanzleivorsteher Ottmar Hermann, Rüdiger Wienberg und Burkhard Jung ihre Verwalterschar jüngst ermahnt, Kleinverfahren, bei denen die Verwaltervergütung nicht kostendeckend ist, in bestimmten Regionen künftig abzulehnen. Wer dagegen verstößt, wird erschossen. Scherz!

Bei Brinkmann & Partner kann man die Unbillen des Wettbewerbs mit hanseatischer Gelassenheit beobachten. Bei der Havarie der Reederei Rickmers wirkt Brinkmann-Restrukturierer Christoph Morgen als Chief Insolvency Officer, bei CD- und DVD-Pleitier Cinram gemeinsam mit Wellensiek’ler Richard Scholz als Sanierer. Frank Kebekus überwacht als Sachwalter die Gemeinschaftsproduktion. Auch der Frankfurter Brinkmann-Mann Jan-Markus Plathner hat gut zu tun. Er navigiert unter anderem den Autozulieferer Küpper-Gruppe durch die Eigenverwaltung, Sachwalter ist der Düsseldorfer Experte Nikolaos Antoniadis.

Für das Führungstrio verblieben in Summe 367 Insolvenzen. Darunter etwa der Fall des Düsseldorfer Groß- und Bahnhofgastronoms Stockheim, bei dem Biner Bähr von White & Case die belebende Wirkung eines doppelten Espressos entfaltet. Sein Kollege Sven-Holger Undritz zählt als Verwalter des Bezahldienstleisters Payment Solution reichlich Fußballfans zu Gläubigern, die auf den Guthabenkarten der Firma noch Kapital für den Erwerb von Bier und Bratwurst gebunkert hatten. Stefan Conrads von Pluta bettete derweil als Sachwalter den Schlafbedarfshändler Matratzen Direct um. Annamia Beyer von der jungen Düsseldorfer Kanzlei Lambrecht kümmerte sich ums Operative.

An der Spitze der Tabelle herrschte indes ungewohnte Klarheit. Nach den Titelkämpfen der vergangenen Jahre zwischen hww und Schultze & Braun scheint das Duell nun zugunsten von „Schubra“ entschieden. 146 Verfahren brachten die Acherner im ersten Halbjahr auf die Waage. Darunter der Fall des angeblichen Datenspeicherspezialisten EN Storage, dessen luftige Bilanzen nun Verwalter Holger Leichtle defragmentiert.

KONTEXT

Insolvenzverwalter-Ranking 2017 (erstes Halbjahr) – Kanzleien: Die Plätze 27 bis 21 im Überblick

Platz 27

Kanzlei: D’Avoine Teubler Neu Rechtsanwälte

Zahl der Verfahren: 24

Platz 27

Kanzlei: Johlke, Niethammer & Partner

Zahl der Verfahren: 24

Platz 27

Kanzlei: westhelleundpartner

Zahl der Verfahren: 24

Platz 26

Kanzlei: Kebekus et Zimmermann

Zahl der Verfahren: 25

Platz 25

Kanzlei: Kreplin & Partner

Zahl der Verfahren: 26

Platz 23

Kanzlei: dhpg Rechtsanwälte

Zahl der Verfahren: 27

Platz 23

Kanzlei: Hoge Gutsche Walter

Zahl der Verfahren: 27

Platz 22

Kanzlei: Schiebe und Collegen

Zahl der Verfahren: 28

Platz 21

Kanzlei: Pohlmann Hofmann Insolvenzverwalter

Zahl der Verfahren: 29

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*